Erinnerung an Julius und Elisabeth Weiß, geb. Michel

(Fotos sind nur zur privaten Verwendung freigegeben, © Marcus Beer)     

                             

Julius und Elisabeth Weiß geb. Michel

Am oberen Born 1


Die Familie Weiß, aus der Julius Weiß stammt, gehörte zu den alteingesessenen, weit verzweigten Hechtsheimer jüdischen Familien. In dem während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geführten Bürger-Register von Hechtsheim findet sich ein früher Hinweis auf den 1767 geborenen Marx Weiß. Er war Handelsmann und verheiratet mit Sara Nathan. Eines ihrer Kinder, der 1802 geborene Sohn Joseph, Handelsmann und später Metzger von Beruf, heiratete die sechs Jahre jüngere Jeanette (Johannette) Beringer aus Bodenheim und wohnte mit ihr in der Heuerstraße – damals noch Heuergasse genannt. Im Laufe von zwei Jahrzehnten erblickten 16 Kinder das Licht der Welt, von denen viele im frühen Kindesalter starben. Die zu Beginn der 1840er Jahre gegründete jüdische Gemeinde in Hechtsheim wählte Joseph Weiß 1843 zu ihrem Vorsteher, er übte dieses Amt 20 Jahre lang aus und starb 1868.

    
Abraham Weiß, 1838 geborener Sohn der Eheleute, wurde Viehhändler und heiratete die 1841 in Waldhilbersheim (heute Guldental/Verbandsgemeinde Langenlonsheim) geborene Elisabetha (Elise) Simon. Das Ehepaar hatte acht Kinder. Abraham Weiß verstarb 1917, seine Frau 1933. Beide ruhen auf dem jüdischen Friedhof in Hechtsheim, ebenso ihr 1933 verstorbener Sohn Moritz Maximilian. Auch Abraham Weiß hatte sich in den 1870er Jahren im Vorstand der jüdischen Gemeinde engagiert.

                            

Abraham und Elise Weiß’ jüngster Sohn Julius, geboren am 1. April 1880, trat beruflich in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Viehhändler. 1906 heiratete er die am 25. Dezember 1883 geborene Hechtsheimerin Elisabeth Michel. Deren Vater Levi Michel stammte aus Sörgenloch, die Mutter Zerline (Caroline), geborene Lorch, aus Dieburg. Levi Michel war Metzger, betrieb eine Milchhandlung in Mainz und war seit 1867 in Hechtsheim ansässig. Beider Gräber finden sich ebenfalls auf dem Hechtsheimer jüdischen Friedhof.

                 

Julius und Elisabeth Weiß wohnten im eigenen Haus in der Borngasse 1 (heute: Am oberen Born 1). Das Haus bot mit Erdgeschoss und zwei weiteren Stockwerken ausreichend Platz für eine siebenköpfige Familie und war gut eingerichtet. Der Viehhandel mit einem Verkauf von 600–700 Stück Großvieh pro Jahr war ein durchaus ertragreiches Geschäft, darüber hinaus inserierte Julius Weiß im „Hechtsheimer Anzeiger“ gelegentlich den Verkauf von Milchprodukten, etwa zu den Osterfeiertagen oder zum „weißen Sonntag“. Seine Frau Elisabeth führte in der Mainzer Neubrunnenstraße 12 die von ihrem Vater übernommene Milchhandlung. Julius Weiß war im Geselligkeits- und Theaterverein „Club Einigkeit 1908“
aktiv, gehörte nach seiner Wahl zum Vorsteher der jüdischen Gemeinde im Jahr 1929 zu den
dörflichen Honoratioren – man nannte ihn auch den „israelitischen Bürgermeister“.
                                            

Julius und Elisabeth Weiß hatten fünf Kinder: die Söhne Josef, Eugen, Emil und die Tochter Cäcilie (Cilly), zwischen 1906 und 1910 geboren, sowie den jüngsten, erst 1921 geborenen Sohn Arnold. Die Eltern ermöglichten den älteren nach dem Besuch der
ersten
Volksschuljahre in Hechtsheim den Wechsel auf weiterführende Schulen in Mainz. Eugen – vermutlich auch seine Brüder Josef und Emil – besuchte das Mainzer Realgymnasium, absolvierte danach eine kaufmännische Ausbildung in der Eisenwarenhandlung Kahn & Metzger in der Heiliggrabgasse und blieb dort viele Jahre tätig. Er war aktiv im Hechtsheimer Männergesangverein, als dieser sich nach dem Ersten Weltkrieg wieder neu formierte. 1935 heiratete er Sofie Alice Löb aus Obermoschel/Pfalz und zog dorthin. Im September 1938 gelang ihm mit seiner Frau die Auswanderung in die USA. Mit ihr und seinen Kindern nahm er 1991 an der ersten Begegnungswoche Mainzer Juden teil und blieb Hechtsheim über viele Jahre verbunden.

   

Der jüngere Brüder Emil war bereits 1931, wahrscheinlich im Rahmen der Hachscharah, nach Palästina ausgewandert und arbeitete dort in einem Kibbuz. Auch der älteste Bruder Josef wanderte in die USA aus, kam aber nach 1945 nach Deutschland zurück und wurde als Pferde- und Viehhändler in Recklinghausen ansässig. Cilly, die einzige Tochter, hatte nach der Hechtsheimer Volksschule die von der
Israelitischen Religionsgesellschaft, der
strenggläubigen Gruppierung unter dem Dach der jüdischen Gemeinde in Mainz betriebene Bondischule besucht, so benannt nach dem orthodoxen Rabbiner Dr. Jonas Markus Bondi, dem langjährigen Leiter der Schule. Von 1921 bis 1926 war sie Schülerin der Mainzer Höheren Mädchenschule – heute Frauenlob-Gymnasium. Sie folgte ihrem Bruder 1936 nach Palästina und lebte dort verheiratet als Cilly Keins.

  

Der jüngste Bruder Arnold hatte seine gesamte Schulzeit bis 1935 in der Hechtsheimer Volksschule verbracht und dort alle Ausgrenzungen erlitten, denen jüdische Kinder damals ausgesetzt waren. Anschließend ging er zur kaufmännischen Ausbildung in die Firma Abt & Kahn-Hut, eine Großhandlung für Sattler- und Polsterbedarf in Mainz, und besuchte die Berufsschulklasse der jüdischen Bezirksschule. Mit Unterstützung einer Tante väterlicherseits, die schon länger in den USA lebte, gelang ihm Ende Januar 1939 endlich die Ausreise dorthin. 1945 kam er als amerikanischer Soldat erstmals wieder in seine Heimatgemeinde zurück. In den Vereinigten Staaten heiratete er die aus Bensheim-Auerbach stammende Ruth Marchand-Hahn, mit der er 1991 zur ersten Begegnungswoche Mainzer Juden kam. Wie sein Bruder Eugen blieb auch er Hechtsheim über viele Jahre verbunden.

    

Julius Weiß blieb als Vorsteher der Hechtsheimer jüdischen Gemeinde in seinem Amt bis zu deren zwangsweiser Auflösung. Schon 1934 hatte er sich, vielleicht zur Vorbereitung der Auswanderung, um die Ausstellung eines Reisepasses bemüht, der ihm jedoch verweigert wurde. Die mit Beginn der NS-Herrschaft einsetzende Ausgrenzung und das Verbot von Geschäften mit jüdischen Viehhändlern machten seine wirtschaftliche Existenz zunehmend zunichte. In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 wurde das Haus der Familie Weiß weitgehend zertrümmert, sodass an einen weiteren Verbleib in Hechtsheim nicht zu denken war. Der Sohn Arnold war der Inhaftierung in Buchenwald nur entgangen, weil er sich im Mainzer jüdischen Krankenhaus versteckte.

       

Am 18. November 1938, wenige Tage nach dem Wüten der Nazi-Horde in ihrem Heim, flohen Julius und Elisabeth Weiß nach Mainz. Sie wohnten zunächst in der Mittleren Bleiche 19, wohin Elisabeth Weiß das zunehmend schlechter laufende Milchgeschäft verlegt hatte. Nach dem Pogrom zog ein SA-Posten vor dem Geschäft auf, um nichtjüdische Kunden am Betreten zu hindern. Schließlich wurde den Eheleuten Weiß die Schließung befohlen mit dem gehässigen Hinweis, es stehe ihnen ja frei, ihre „jüdische Kundschaft durch Austragen der Milch“ zu bedienen. Angesichts der Größe der Stadt war dies nahezu unmöglich.

    

In Vorbereitung der geplanten Deportationen und der Einrichtung von „Judenhäusern“ mussten die Eheleute Weiß in ein Zimmer der Klarastraße 13 umziehen, ein Haus, das der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland gehörte, und waren zuständig für die hier unterkärglichen Bedingungen betriebene Gemeindespeise- und Kaffeestube. Von dort wurden sie am 30. September 1942 über Darmstadt nach Polen deportiert und kurz darauf, vermutlich in Treblinka, ermordet. Julius und Elisabeth Weiß, 62 und 59 Jahre alt, trugen die Nummern 779 und 780 der Deportationsliste.

   

Auf dieser erhalten gebliebenen Liste der Gestapo Darmstadt mit 883 Namen der Opfer aus dem Gebiet des früheren Volksstaates Hessen steht zynisch „Wohnsitzverlegung nach dem Generalgouvernement“. Es war dies der gleiche Transport, mit dem auch die Hechtsheimer David Kapp, das Ehepaar Max und Recha Weiß mit ihrer Tochter Ilse sowie Emma Weiß, Witwe des 1935 verstorbenen Eduard Weiß, in den Tod geschickt wurden.

                                 

Quelle: Verein Hechtsheimer Ortsgeschichte, Bearb. Frau Renate Knigge-Tesche.

           

Bilder: © Marcus Beer

           

             

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Ich bin das Seitenende und soll den Balken unter mir festhalten.

 

 

 

 

 

    

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