Erinnerung an Siegfried Josef und Antonie Selig, geb. Kahn

(Fotos sind nur zur privaten Verwendung freigegeben, © Marcus Beer)     

 

 

 

 

                   

Siegfried Josef und Antonie Selig, geb. Kahn

Bürgermeister-Keim-Straße 2


Über mehrere Generationen hatte die weit verzweigte Familie Selig in Hechtsheim gewohnt und ihren Lebensunterhalt als Frucht-, Getreide- und Viehhändler verdient. Simon Selig I., 1783 in Wiesenbronn bei Würzburg geboren und 1813 in Hechtsheim eingebürgert, war neben Benjamin Kapp einer der beiden ersten uns bekannten israelitischen Haushaltsvorstände im Dorf, dessen Kinder in den 1820er Jahren in die örtliche Volksschule
gingen. Er war Siegfried Josef Seligs Urgroßvater.

    
Siegfried Josef Selig (ursprünglich Siegfried Gustav genannt) wurde am 10. Mai 1868 in Hechtsheim geboren. Er war eines von sechs Kindern des 1834 geborenen Fruchthändlers Ludwig Selig und dessen erster, 1873 verstorbenen Frau Esther, geb. Sondheimer. Im Februar des Jahres 1900 heiratete er die aus Büdesheim bei Friedberg stammende Antonie Kahn, dort am 12. Januar 1874 geboren. Siegfried Josef Selig betrieb einen Futtermittel- und Landhandel
und wohnte mit seiner Familie im eigenen Haus Breite Straße 2 (1933 bis 1945 in Hindenburgstraße umbenannt, heute Bürgermeister-Keim-Straße). 1901 bzw. 1904 kamen die Töchter Emma und Cäcilie zur Welt. Nach dem Besuch der Hechtsheimer Volksschule gingen beide von 1911 bis 1916 bzw. 1914 bis 1919 in die Höhere Mädchenschule Mainz.

                            

Emma heiratete 1923 den Kaufmann Siegmund Weis aus dem heute zu Wiesbaden gehörenden Nordenstadt, Cäcilie fünf Jahre später dessen jüngeren Bruder Max Weis, ebenfalls Kaufmann von Beruf. Die Brüder waren Inhaber eines von ihrem Großvater und Vater übernommenen Großhandels für Getreide, Futtermittel und sonstige Landprodukte, den
sie 1917 nach Wiesbaden verlegten. Das Firmenlager befand sich auf dem Gelände des damaligen Wiesbadener Güterbahnhofs. Während Cäcilie und Max kinderlos blieben, wurde Emma und Siegmund 1924 die Tochter Ruth Ingeborg geboren.

                 

Bereits früh in der NS-Zeit begann in Hechtsheim die Drangsalierung von Siegfried Josef und Antonie Selig. Ihre Tochter Emma war bereits im August 1933, also bald nach dem Machtantritt der NS-Herrschaft, mit Mann und Tochter in die Niederlande gezogen, wohin
Siegmund und Max Weis geschäftliche Beziehungen unterhielten. Die Familie wohnte damals in Rotterdam. Emmas Eltern stellten im Dezember 1933 den Antrag auf Ausstellung eines Reisepasses, um sie zu besuchen. Das Kreisamt Mainz, inzwischen unter Nazi-Leitung, lehnte dies ab mit der Begründung, dass inzwischen vier Hechtsheimer Juden, denen kurz zuvor die Fensterscheiben eingeworfen worden waren, „zu ihrer eigenen Sicherheit in Schutzhaft genommen“ worden seien und man könne annehmen, „dass der Jude Selig im Ausland entstellte und dem deutschen Ansehen abträgliche Erzählungen verbreiten“ werde. Zynisch wurde noch hinzugefügt: „Selig wird daher keineswegs wieder in das Ausland reisen, sondern in Hechtsheim Muße haben, etwaige kommunale oder private Schulden abzudecken.“ Zu letzterer Unterstellung gab es allerdings überhaupt keinen Grund. An Auswanderung zu denken, war unter diesen Voraussetzungen aussichtslos. In den Folgejahren wird es Siegfried Josef Selig immer schwerer gefallen sein, seine Produkte zu verkaufen, denn die Geschäfte von Juden wurden allerorts boykottiert und sukzessive verboten.

                                            

In der Pogromnacht des 9./10. November 1938 wurde das Haus von Siegfried Josef und Antonie Selig durch Nazi-Horden vollständig verwüstet. An ein Bleiben war also nicht zu denken. Die Abmeldung der Eheleute nach Rotterdam Mitte Dezember jenes Jahres wurde
behördlicherseits rückgängig gemacht. So blieb den Seligs unter dem Druck der politischen Verhältnisse nur übrig, sich am 22. Dezember 1938 nach Wiesbaden in die Gartenfeldstraße 15 – das Haus gehörte den Brüdern Weis – abzumelden und Hechtsheim zu verlassen.

                               

Von Wiesbaden aus gelang den Seligs im Januar 1939 die Flucht in die Niederlande. Allerdings saßen sie dort nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Mai 1940 in einer ausweglosen Falle. Ihre letzte bekannte Wohnadresse ist Oosthaven 31, das Zentrale Jüdische Altersheim der Stadt Gouda. Siegfried Josef Selig starb dort am 30. September 1942 mit 74 Jahren und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Gouda beerdigt. Am 9. April 1943, einem Freitagabend und damit dem Beginn des Shabbat, wurden alle Bewohner des jüdischen Altersheims Gouda, unter ihnen Antonie Selig, zum Verlassen des Hauses gezwungen und in das Konzentrations- und Transitlager Westerbork verbracht. Von dort wurde Antonie Selig wenig später, am 23. April 1943, nach Sobibór in den Tod deportiert. Sie war damals 70 Jahre alt.

            

Während es der Tochter Cäcilie und deren Mann Max 1939 gelang, dem NS-Regime nach Südafrika zu entkommen, konnten die Tochter Emma und die Enkelin Ruth Ingeborg dem gewaltsamen Tod nicht entgehen. Emmas Mann Siegmund Weis war bereits im Februar 1940 in Rotterdam verstorben und wurde dort beerdigt. Im Jahr darauf zog Emma Weis nach Gouda in die Wijdstraat 17, zuletzt wohnte sie dort in der Gouwe 123. Im Zuge der zahlreichen Verhaftungen der in den Niederlanden lebenden Juden wurde auch sie in das Lager Westerbork verbracht. Von hier gibt es eine letzte Postkarte vom 1. Juni 1943, lediglich mit einem herzlichen Dank versehen, nach Gouda. Emma Weis, geb. Selig, trat am 3. September 1943 im Alter von 42 Jahren die Reise in den Tod nach Auschwitz an. Ihre Tochter Ruth Ingeborg war bereits Ende Mai jenes Jahres mit 18 Jahren nach Sobibór deportiert und ermordet worden. 
       

Quelle: Verein Hechtsheimer Ortsgeschichte, Bearb. Frau Renate Knigge-Tesche.

           

Bilder: © Marcus Beer

           

             

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Ich bin das Seitenende und soll den Balken unter mir festhalten.

 

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